Studie: Ausbildungsplatzsuche in Niedersachsen für Jugendliche besonders schwer

Wirtschaft Von Redaktion | am Mi., 18.09.2019 - 11:44

GÜTERSLOH/GÖTTINGEN. In Niedersachsen finden 15 Prozent der Bewerber keinen Ausbildungsplatz. Gleichzeitig bleiben immer mehr Stellen unbesetzt: Die Zahl der unvermittelten Bewerber ist zwar von 13.605 im Jahr 2009 auf 9.981 im Jahr 2018 gesunken. Im gleichen Zeitraum hat sich jedoch die Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen fast verdreifacht und liegt im Jahr 2018 bei 3.753. Zu diesen Ergebnissen kommt der „Ländermonitor berufliche Bildung 2019“ der Abteilung Wirtschaftspädagogik an der Universität Göttingen und des Soziologischen Forschungsinstituts in Göttingen. Die Untersuchung wurde von der Bertelsmann Stiftung gefördert.

Zu der Studie teilt die Bertelsmann Stiftung mit: Wenn Betriebe ihre Ausbildungsstellen nicht besetzen können und gleichzeitig Jugendliche keinen Ausbildungsplatz finden, spricht man von Passungsproblemen. Dabei lassen sich drei Ursachen unterscheiden: Für mehr als die Hälfte (56,8 %) der unbesetzten Stellen in Niedersachsen gibt es in der Region interessierte Jugendliche. Trotzdem kommt es nicht zum Abschluss von Ausbildungsverträgen. Entweder hält der Betrieb den Bewerber nicht für geeignet oder der Jugendliche findet die Ausbildung in einem bestimmten Betrieb nicht attraktiv, zum Beispiel, weil er sich einen Großbetrieb wünscht, offene Stellen aber nur in kleinen Betrieben verfügbar sind. Besonders betroffen sind hiervon in Niedersachsen die Verkaufsberufe, die kaufmännischen Berufe sowie die Berufe im Ernährungshandwerk und dem Bau- und Baunebengewerbe.

„In diesen Fällen muss es gelingen, mehr Brücken zwischen Jugendlichen und Betrieben zu bauen“, so Claudia Burkard, Berufsbildungs-Expertin der Bertelsmann Stiftung. „Betriebspraktika sind beispielsweise eine gute Möglichkeit, um Jugendlichen und Betrieben ein gegenseitiges Kennenlernen zu ermöglichen und Vorurteile auf beiden Seiten abzubauen.“ Auch sollten schwächere Jugendliche flexibel während der Ausbildung unterstützt werden.

Bei etwa einem Viertel (26,8 %) der unbesetzten Stellen besteht das Problem darin, dass die Berufswünsche der Jugendlichen und die angebotenen Ausbildungsplätze nicht zusammenpassen. Deutlich mehr Bewerber als Ausbildungsplätze gibt es zum Beispiel in den Elektro-, Informatik- und Metallberufen. Ein Bewerbermangel herrscht hingegen in den Hotel- und Gaststättenberufen. „Politik, Schulen und Betriebe sollten gemeinsam daran arbeiten, Jugendliche auch für Berufe zu begeistern, die sie bislang noch nicht auf dem Zettel hatten“, so Burkard weiter. Zudem gelte es, in denjenigen Branchen bessere Rahmenbedingungen zu bieten, die vom Bewerbermangel besonders betroffen sind. Dagegen bleibt nur etwa jeder sechste Ausbildungsplatz unbesetzt (16,4 %), weil sich die Bewerber in einer anderen Region von Niedersachsen befinden als die Betriebe.

Insgesamt mehr Bewerber als Ausbildungsplätze
Das Verhältnis von angebotenen Ausbildungsstellen pro 100 Ausbildungsbewerbern beschreibt die Angebots-Nachfrage-Relation (ANR). Die ANR ist zwar von 82,5 im Jahr 2009 auf 90,5 im Jahr 2018 gestiegen, der Wert liegt aber immer noch deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von 96,6. Schon rein rechnerisch gibt es demnach kein ausreichendes Angebot, um allen interessierten Jugendlichen einen Ausbildungsplatz zu ermöglichen. Etwas mehr Ausbildungsplätze als Bewerber gibt es lediglich in Osnabrück (101). In allen anderen Regionen von Niedersachsen liegt die ANR unter 100. Besonders schwierig für Bewerber ist der Ausbildungsmarkt in Hannover und Hameln (84,5 und 84,6).

„Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels muss jeder junge ausbildungsinteressierte Mensch unabhängig von Herkunft und Schulabschluss die Chance auf einen Ausbildungsplatz bekommen“, sagt Claudia Burkard. In Regionen, in denen viele Bewerber leer ausgehen, sollten öffentlich geförderte Ausbildungsplätze vorgehalten werden: „Wir brauchen zeitgemäße, flexible Lösungen, bei denen Jugendlichen ein Einstieg über öffentlich geförderte Ausbildung ermöglicht wird.“ Ein Übergang in reguläre betriebliche Ausbildung kann dann idealerweise nach einem Jahr erfolgen. Das helfe sowohl den Jugendlichen als auch den Betrieben, die auf diese Weise bereits vorqualifizierte Jugendliche in das zweite Lehrjahr der Ausbildung übernehmen können.

Hintergrund:
Das Forschungsprojekt „Ländermonitor berufliche Bildung 2019“ der Abteilung für Wirtschaftspädagogik und Personalentwicklung der Universität Göttingen (Lehrstuhl Prof. Dr. Susan Seeber) und des Soziologischen Forschungsinstituts in Göttingen (SOFI) wird von der Bertelsmann Stiftung gefördert. Es untersucht laut der Bertelsmann Stiftung die Situation der Beruflichen Bildung in den 16 Bundesländern vergleichend und im Zeitverlauf. Als Schwerpunktthema werden in dieser Ausgabe erstmals auf Ebene der Bundesländer die sogenannten Passungsprobleme analysiert, also das gleichzeitige Auftreten von unbesetzten Stellen und unvermittelten Bewerbern. Für das Projekt wurden Daten des Bundesinstituts für Berufsbildung der Bundesagentur für Arbeit, der statistischen Ämter des Bundes und der Länder sowie Dokumente zu Berufsbildungspolitik aus den Bundesländern ausgewertet.
Näheres zu dem Projekt und den beteiligten Instituten und Wissenschaftlern unter:
www.laendermonitor-berufsbildung.de und http://www.uni-goettingen.de/de/603850.html und http://www.sofi-goettingen.de/projekte/laendermonitor-berufliche-bildung-2019/projektinhalt/

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